Unser Leben ist ein Gemälde …

Stefan Blankertz

... auf dem der "Sozialismus der Eigentümer" portraitiert wird, während der "liberale Faschismus" als Rahmen fungiert.


Stefan Blankertz:

Mit "Sozialismus der Eigentümer" meine ich: Die Eigentümer wünschen sich, dass der Staat ihr Eigentum vor den Marktschwankungen sichert. Eine witzige Beobachtung am Rande: In den Wählerschichten der Begüterten, der Beamten usw. haben Grüne, Linke (und auch SPD) die größten Erfolge. Die Kleineigentümer verbünden sich mit den Großen, weil sie meinen, damit mächtiger zu werden, sind aber letztendlich die Verlierer.
Als "liberalen Faschismus" nenne ich die Verwirklichung des "Sozialismus der Eigentümer" unter der Beibehaltung des formellen Rechtsstaates.

Tommy Casagrande:

Ich habe da einen Gedanken und ich hoffe, ich kann ihn dir darlegen. Du weisst ja, dass ich die Verteilung von Eigentum, wie sie auf unserer Welt ist, zu 100% ablehne, da die Strukturen ja staatlich sind, auf denen Eigentum entsteht und sich verteilt (Ich glaube, dieser Punkt wird nochmal mein Markenzeichen). Ist das aber nicht eben was du mit "Sozialismus der Eigentümer" meinst? Oder meinst du etwas ähnliches? Oder knüpft es an meine Darstellung der Wirklichkeit an? Oder inwiefern unterscheidet sich dein "Sozialismus der Eigentümer" von meiner Darstellung, dass letztlich alles Eigentum auf staatlichen Strukturen produziert und verteilt wird? Falls es sich unterscheidet, lässt es sich vielleicht verbinden ?

Wenn du mir obiges beantwortet hast, möchte ich dich sehr bitten, mir noch etwas zu beantworten. Mal sehen ob ich es dir erklären kann. Neulich habe ich mit einem libertären Freund geskyped. Immerhin verstehen wir uns doch recht gut, mit Ausnahme von seltenen Tagen, wo er sich von mir dadurch unterscheidet, dass er das Geld verdienen zu stark wie ich finde, in den Mittelpunkt von Freiheit stellt. Er meint beispielsweise, in der Freiheit würden die Unternehmer noch mehr verdienen als Heute. Allein das glaube ich nicht, denn man kann ja das heutige System nicht 1:1 in seiner Verteilung an Branchen umlegen auf eine Anarchie. In der Anarchie gibt es mit Sicherheit eine größere Konkurrenz an Unternehmen, eine größere Vielfalt. Mehr Unternehmen bedeuten aber auch, dass Kundenströme sich stärker diversifizieren, also verteilen, sodass sich auch die Gewinne anders verteilen. Das heißt, es ist ein Unterschied ob es 3 Supermärkte gibt oder 10. Wenn die Menschen nur zu 3 gehen, verdienen die 3 mehr als wenn es noch 7 weitere gibt, wo die Menschen hingehen. Sonst würde ein Alleinanbieter nicht den größtmöglichen Gewinn machen, falls er die Bedürfnisse der Menschen bestens befriedigt. Er nimmt also die heutige Anzahl an Unternehmen und lässt die Lohnsklaven und Arbeitslosen außen vor. Auch jene, die vielleicht durch Regulierung abgeschreckt sind, etwas anderes zu verkaufen, übernimmt er 1:1 in die Anarchie.

So kann man es einfach nicht sehen, finde ich. Es ist unterkomplex, wenn ich den Unterschied zwischen staatlichem System und Anarchie nur anhand der Steuern definiere. Es verändert sich weitaus mehr, als nur das Einkommen derer, die Heute schon eines erwirtschaften.

Nächste Geschichte; dieser Freund meinte zu mir, wer Heute studiere um einen "Laberberuf" auszuüben, der würde bei Zusammenbruch des Systems ins Gras beißen, denn was kann ein Lehrer oder Professor anbieten? Handwerkliche Berufe beißen nicht ins Gras, wenn das System kollabiert, denn Handwerker werden immer nachgefragt. Ich finde, dass man auch das nicht so sagen kann. Wir leben ja alle im System. Auch die Handwerker sind ja Teil des Systems. Er spricht so, als wenn er dächte, dass die Handwerker zum Kapitalismus gehörten, der beim Zusammenbruch funktioniere und die Beamten gehörten nur zum Staat der dann verschwände. Diese Zweiteilung halte ich für falsch, denn im falschen System ist auch die Verhältnismäßigkeit der Betriebe schon verzerrt.

In einer Anarchie können die Menschen ja auch "Labertaschen" wollen, wenn sie diese dafür bezahlen möchten. Was die Menschen wollen, ist eben nicht von vorn herein zu bestimmen und somit lässt sich auch nicht differenzieren, welche heutigen Jobs beim Zusammenbruch nutzlos werden und ins Gras beißen und welche Jobs gebraucht werden und wer somit überlebt.

Was sagst du zu dieser Zweiteilung, die mein Freund vornimmt? Vielleicht kannst du es konkreter benennen, was er meint und ob er einen Denkfehler hat oder ob ich den Denkfehler habe und was du zu seiner Haltung bzw. seinem Glauben sagst, dass die Reichen ohne Staat noch reicher würden. Das impliziert doch, dass alle anderen Parameter gleich bleiben und man nur die Steuern der Reichen senkt, denn wenn es mehr Wettbewerb in einer Branche gibt - und wer außer der Staat sollte den reglementieren? - dann kann ein einzelner Unternehmer gar nicht mehr so reich werden, wie Heute während andere immer ärmer werden - wodurch dann das Phänomen von negativem Reichtum überhaupt erst zum Thema wird, weil er dann ja tatsächlich auf Kosten der Armen oder jener, die weniger privilegiert oder zertifiziert sind, gingen.

Was einige Reflexlibertäre gerne bestreiten, die ständig Realität mit Idealität verwechseln und dann beschwören, dass im freien Markt der Gewinn des einen nicht der Verlust des anderen sei - stimmt auch, ABER, wir leben in keinem freien Markt und darum ist Heute der Gewinn der einen durchaus im Verhältnis so zu sehen, dass es der Verlust des anderen ist, WEIL, Reise nach Jerusalem - regulierte Chancen, Arbeitsplätze etc. nicht jedem einen Platz bieten und nicht jeder die Möglichkeit hat, sein Leben zu verbessern.

Stefan Blankertz:

Lieber Tommy, also erstmal zum "Sozialismus der Eigentümer": Ja, das, was ich meine, hängt mit dem zusammen, was du die ungerechte (durch den Staat verzerrte) Besitzverteilung nennst - die ungerechte Besitzverteilung ist die Folge vom "Sozialismus der Eigentümer": Sie wollen sich gegen den Markt schützen und als Ergebnis kommt es zu einer nicht marktgerechten Verteilung von Einkommen und Eigentum.

Das führt ja auch direkt zu dem ersten Punkt der Diskussion, von der die berichtest. Was heißt, auf dem nicht staatlich regulierten Markt werde "mehr" verdient? Sicherlich wird mehr von solchen materiellen und immateriellen Gütern produziert, die die Menschen nachfragen, der Wohlstand steigt; wir können also sagen, alle würden mehr verdienen.

Nach der Theorie der Österreichischen Schule wird auf dem Markt tendenziell in allen Branchen gleich viel verdient, weil höhere Einkommensmöglichkeiten Leute anzieht, in diese Branchen zu gehen. Das Gleichgewicht ist ein Prozess, das heißt, es wird nie vollständig erreicht, aber es gibt auch keine langfristigen großen Abweichungen.

Die Einkommensunterschiede werden um so kleiner, je mehr Markt es gibt. Je mehr Staat es gibt, um so größer werden Einkommensunterschiede. Sicherlich werden nicht alle Menschen gleich viel verdienen, das auch gar nicht wollen, weil manche Menschen nicht materielles, sondern immaterielles Einkommen maximieren möchten. Wir können sogar davon ausgehen, dass in einer Gesellschaft, in der Berufe nicht durch direkte oder indirekte staatliche Maßnahmen privilegiert werden, die Einkommensmöglichkeiten umgekehrt zu dem stehen, was Mises "Arbeitsleid" nennt. Also, Berufe, die viele gerne machen, werden schlechter bezahlt werden als solche, die kaum jemand oder sogar niemand gerne macht.

Schließlich zu dem zweiten Punkt der Diskussion. Das mit den "Laberberufen" ist eine Wertung, die jeder für sich vornehmen kann, aber der Markt reguliert sich nach der Nachfrage. Ob Lehrer, Wissenschaftler, Therapeuten usw. Kunden bekommen oder nicht, hängt also davon ab, ob es Leute gibt, die diese Dienste haben wollen. Alles, was wir darüber wissen, spricht dafür, dass es eine Nachfrage geben wird. Vor der Verstaatlichung des Bildungswesens hat es Lehrer und Professoren gegeben und es gibt auch heute Lehrer außerhalb des staatlichen Rahmens. Viele therapeutische Richtungen sind außerhalb des staatlichen Gesundheitswesens entstanden.

Da in der Anarchie die Menschen sehr viel mehr Wohlstand haben, wird gerade die Nachfrage nach immateriellen Gütern stark ansteigen. Es sollte ja insgesamt so sein, dass nicht nur niemand "ins Gras beißt", sondern es (fast) allen besser geht. Fast - denn denen, die vom Raub gut leben, wird es nicht besser gehen, materiell gesehen, immateriell aber schon.

Aber jeder darf dazu meinen, was er will, der Markt sorgt für sich selber. Strategisch ist es allerdings ziemlich unklug, ganzen Berufsgruppen zu sagen, sie hätten in der freien Gesellschaft keinen Platz. Dass sich viele umstellen müssen, ist klar, aber es wird eine gute Umstellung sein, denn viel mehr wird möglich sein als jetzt, das heißt, es gibt nicht die bange frage: Was jetzt? Wie kann ich nur meinen Lebensunterhalt verdienen? sondern: Was will ich angesichts der großen sich bietenden Möglichkeiten?

Rubriken: Eigentum Etatismus

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