Kritische Gedanken zum Freihandel

Stefan Blankertz

Tommy Casagrande: Mal angenommen, die Liberalen plädieren für Freihandel, doch alle anderen Lebensbereiche bleiben verstaatlicht, profitieren dann von diesem Freihandel in einem Umfeld der verstaatlichten Welt auch die Armen ? Oder würde die Scheere aus arm und reich zunehmen, weil die Reichen überproportional von solch graduellen Teilfreiheiten profitieren ? Oder wäre beides der Fall - Einerseits profitieren die Armen, doch andererseits werden die Reichen noch reicher ? Freihandel finde ich als Begriff bedeutungslos, wenn nicht alle Menschen in die Lage versetzt sein können, frei zu handeln. Und wenn alles staatlich bleibt, bis auf den Freihandel, werden die Armen immer noch durch den Staat derart behindert, sodass man sich das freie Handeln leisten können muss. Das heißt, eigentlich ist so als wenn die Armen die Freiheit haben, Kuchen essen zu dürfen, sich aber immer noch kein gescheites Brot leisten können. ich finde eine solche Freiheit, wenn sie sich derart zeigen sollte, zynisch, da sie real doch nur die Freiheit der Reichen aufzeigt. Meines Erachtens wäre nur in der Anarchie die Möglichkeit gegeben, dass Arme ein besseres Leben führen können oder siehst du das anders ? Können Arme auch besser leben, wenn man nur den Reichen erlaubt, noch reicher werden zu können, während die Armen weiterhin vom Staat unten gehalten werden ?

Ich finde zudem auch, dass Arme in die Lage versetzt sein sollten, selbst Unternehmen zu gründen und Dienstleistungen anzubieten und nicht, dass sie nur als Lohnsklaven für reiche Unternehmer eingestellt werden. ich glaube, dass das zusammen hängt - die Filialisierung der Gesellschaft, dass Einkaufsstraßen fast nur noch aus Filialketten bestehen und keine kreativen kleinen Läden existieren, liegt auch an der Lohnsklaverei, die daraus resultiert, dass Arme behindert werden, selber was aufzubauen. Ihre Freiheit ist passiv. Insofern ist es schon keine Freiheit mehr, weil sie durch strukturell gesetzte Bedingungen zur Abhängigkeit gezwungen werden, denn gewährt man den Reichen mehr Freiheit, gibt es mehr Jobs für Arme. Das ist ein Freiheitsbegriff den ich ablehne. Arme sollten selber etwas produzieren und anbieten können.

Stefan Blankertz: Sicherlich ist es eine gefährliche Illusion der Wirtschaftsliberalen, dass es Freihandel bei gleichzeitiger Verstaatlichung von anderen wichtigen Lebensbereichen geben kann. Diese Verstaatlichung hat ja Rückwirkungen auf die Wirtschaft, die die Armen schädigt. Dennoch profitieren besonders die Armen von fast jeder Liberalisierung im wirtschaftlichen Bereich. Ich nenne das die "komperative Empirie der Freiheit": Situation A (z.B. USA) und Situation B (z.B. Nordkorea) sind beides Staatssysteme, aber das mit vergleichsweise weniger Interventionen schafft mehr Wohlstand und in den USA leben die Armen besser als die Mittelschicht in Nordkorea. Ein extremes Beispiel, aber es gilt auch bei weniger gravierenden Unterschieden.

Dieser Effekt ist gut und schlecht zugleich. Gut ist er, weil er den Armen nützt. Gut ist er auch, weil er uns empirische Argumente für die Freiheit gibt. Schlecht ist er, weil er sich mit diktatorischen Systemen verbinden lässt. Vorletzte Woche habe ich mit Erhard Doubrawa (dem Leiter des Gestalt-Instituts Köln) einen Spielfilm über das Ende der Pinochet-Diktator gesehen. Dieser Film ist ganz klar mit linken Sympathien ausgestattet. Dennoch zeigt er realistisch, dass bei der Abwahl von Pinochet niemand zu den Zuständen vor Pinochet zurückkehren wollte, niemand wollte Allende zurück. Niemand wollte den Wohlstand aufgeben, der unter der wirtschaftlichen Liberalität einer brutalen und blutigen Diktatur vor zwei Jahrzehnten entstanden ist. Nur weil die Kampagne gegen Pinochet dies berücksichtigt hat, konnte sie gewinnen.

Rubriken: Finanzsystem Etatismus

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