Anti-Kapitalismus endet immer im Pro-Etatismus

Stefan Blankertz

Die Auseinandersetzung mit den Chomsky- und anderen antikapitalistischen „Anarchisten“ hat mich noch mal dazu geführt, mir Rechenschaft über meine Denkbewegung zu geben, die mich zum Anarchokapitalismus geführt hat:

1. Freie Vereinbarung (Assoziation) bedarf der Möglichkeit des Austritts und des Ausschlusses. Eine Gruppe, in der ein Mitglied gegen seinen Willen zum Verbleib gezwungen wird, frei zu nennen, wäre ein Widersinn. Eine Gruppe zu zwingen, ein Mitglied in ihren Reihen zu dulden, von dem sie sich trennen will, könnte ebenso wenig frei genannt werden.

2. Austritt und Ausschluss haben wiederum nur Sinn, wenn kein fortgesetzter Zugriff auf die (Arbeits-) Leistung und die (Arbeits-) Produkte besteht: Wenn die Gruppe weiterhin Zugriff auf die Arbeitsleistung oder -produkte des Ausgetretenen hat, ist er nicht frei; und wenn der Ausgeschlossene weiterhin Zugriff auf die Arbeitsprodukte oder -leistung der Gruppe hat, ist sie nicht frei.

3. Das gleiche gilt für den Begriff der Selbstbestimmung oder -verwaltung: Eine Gruppe, die nicht über die Form ihrer Arbeitsorganisation und die Verteilung ihrer Arbeitsprodukte bestimmen kann, bestimmt nicht selbst, sondern wird fremdbestimmt von denjenigen, die die Organisation und Verteilung festlegen. Die selbstbestimmte oder -verwaltete Organisation und Verteilung wiederum hängt davon ab, dass niemand außerhalb der Gruppe über die Ressourcen und (Arbeits-) Produkte verfügen kann. (Dass die Kontrolle über die Ressourcen der Bedürfnisbefriedigung wesentlicher Bestandteil der Freiheit ist, wurde auch von dem meist „links“ eingeordneten Paul Goodman betont.)

4. Die oft bemühte Unterscheidung zwischen persönlichem Eigentum und Eigentum an Produktionsmitteln ist nicht hilfreich; im Gegenteil. Wenn eine (frei gebildete) Gruppe nicht über die Produktionsmittel verfügt, kann sie weder die Arbeitsorganisation noch die Verteilung der Arbeitsprodukte selbstbestimmt oder -verwaltet vornehmen.

5. Was für Gruppen gilt, gilt auch für den Einzelnen: Wenn er gezwungen würde, sich einer Gruppe anzuschließen, dürften weder er noch die Gruppe weiterhin frei genannt werden.

6. Freiheit (Herrschaftslosigkeit) schließt also Eigentum (Verfügung über Arbeitsleistung und Arbeitsprodukte sowie über Produktionsmittel) ein und führt zum Markt insofern, als dass niemand anderes Art und Mittel des Austausches zwischen Gruppen bzw. Einzelnen bestimmten kann als die Beteiligten selbst. Eigentum ist die Errungenschaft der Kultur, um Frieden und Freiheit möglich zu machen. Die Kraft des friedensstiftenden und freiheitsgarantierenden Eigentums steht der Gewalt des kriegerischen Staates entgegen.

7. Für mich steht fest, dass Kropotkin zumindest implizit eher Anarchokapitalist ist als einer von den „Anarchisten“, die im Namen von Kommunismus und Antikapitalismus den freiwilligen Gruppen und den Einzelnen vorschreiben wollen, wie sie zu leben und wie sie sich zu organisieren haben. Antikapitalismus endet logisch und praktisch notwendig im Pro-Etatismus. Die Verteidigung des Kapitalismus hat immer (zumindest indirekt) subversiven Charakter.

Entweder endloser Staat, der das individuelle und lokale Leben belastet, alle Felder der menschlichen Aktivitäten okkupiert, Kriege und interne Machtkämpfe mit sich bringt, in Palastrevolutionen nichts als einen Tyrannen gegen einen anderen austauscht – am Ende dieser Entwicklung steht unvermeidlich: Tod – oder Abbau des Staates, Neubeginn des Lebens in tausenden von Zentren basierend auf dem Prinzip lebendiger Initiative der Individuen und Gruppen sowie auf dem Prinzip der freien Vereinbarung. Ihr habt die Wahl.“ (Peter Kropotkin, Der Staat: Seine historische Rolle, Schlusssätze | eigene Übersetzung.)

Rubriken: Etatismus

... zurückblättern