Unternehmen Schule? Managementmethoden verbessern die Staatsschule nicht

Stefan Blankertz

Öffentliche Schulen sollten „professionell gemanagt werden wie Unternehmen“. Es geht in dieser Diskussion um ein neues Modell der staatlichen Steuerung des Schulwesens. Als dieses neue Steuerungs¬modell werden die angeblich effizienten „Management¬methoden“ der „Betriebswirtschaft“ herbeizitiert. Sie sollen in die bestehenden staatlichen Schulen eingeführt werden, um diese leistungsfähiger zu machen. Dabei setzt man stillschweigend voraus, dass es tatsächlich die lehrbuchhaft vorliegenden „Management¬methoden“ seien, die ein Unternehmen erfolgreich machen. Dagegen steht folgende Beobachtung: Die Methoden, um Unternehmen zu managen, werden im betrieblichen Alltag häufig missachtet, führen zu vielfältigen Widersprüchen und enden nicht selten im Chaos, so dass man sich wundert, wie es überhaupt gelingen kann, gleichwohl halbwegs brauchbare Resultate zu erzielen.

Auch in Unternehmen gibt es Fehlentscheidungen. Keine bekannte Management¬methode schützt vor solchen, denn andernfalls würden Unternehmen nie in Schwierigkeiten geraten. Wie schaffen es die meisten Unternehmen, ihren jeweiligen Fehlentscheidungen gegenzusteuern? Nur Gegensteuerung ermöglicht, letztendlich doch noch erfolgreich zu sein, sodass die Ergebnisse des Marktprozesses aufs Ganze gesehen effizienter sind als alle Versuche mit der Staatswirtschaft. Die Managementmethoden führen nicht losgelöst vom Marktprozess zur Effizienz.

Effizienz ist also nicht Kennzeichen von Unternehmen an sich, sondern sie wird erst durch den Marktprozess hergestellt: Die Entscheidungsträger in den Unternehmen müssen dann gegensteuern, wenn der Profit gefährdet ist. In den betriebswirtschaftlichen Lehrbüchern wird die formelle Art beschrieben, wie bei drohenden Verlusten das Management sein Unternehmen umstrukturiert, die Mitarbeiter und Führungskräfte weiterbildet und trainiert, die Herstellung effizienter macht, die Produkte überarbeitet oder das Marketing verbessert. Sehr viel weniger reflektiert ist in der Betriebswirtschaft die zweite, die informelle Form des Gegensteuerns. Denn es können die Umstrukturierungen selbst sein, die die einschneidendsten Probleme verursachen. Wie in jeder Kommandowirtschaft sind auch in großen Firmen etliche Entscheidungen des Managements unrealistisch, widersinnig o¬der kontraproduktiv, oder sie basieren auf Daten, die auf ihrem Weg durch die Hierarchie nach oben verzerrt worden sind. In diesem Falle greift die informelle Form der Gegensteuerung, bei der Mitarbeiter und Zwischenvorgesetzte unsinnige Regelungen ¬und Anordnungen unterlaufen. Ohne die informelle Form der Gegensteuerung – also ohne Regelverletz¬ungen – könnte wohl kaum ein Unternehmen bestehen, denn die betriebs¬wirtschaftlichen Managementmethoden verhalten sich zum Alltag in den Betrieben wie die Didaktiken zur Schulwirklichkeit.

Die Bedingung des Marktes ist in zweierlei Hinsicht entscheidend für die Existenz des effizienten Unternehmens: Der fehlende Erfolg zwingt zur Gegensteuerung und der drohende Arbeitsplatzverlust verleiht den Mut, die auftretenden Widerstände gegen Veränderungen zu beseitigen und Risiken bei ihrer Durchsetzung einzugehen.

Ein Unternehmen reagiert auf widersprüchliche Anforderungen der Kunden mit einer Differenzierung des Angebots. Oft kann ein Unternehmen allerdings nicht einmal durch verschiedene Produkte alle sich widersprechenden Kundenanforderungen erfüllen, sondern es bedarf mehrerer Unternehmen mit eigenen Profilen nebeneinander. Es stellt für die Kunden des einen Angebotes kein Problem dar, wenn es auch noch andere Angebote gibt, weil sie jeweils nur das Produkt bezahlen, das sie selbst nutzen möchten. Wer einen VW Golf kauft, hat nicht das Bedürfnis, auf das Aussehen oder die Motorleistung des Ford Focus Einfluss zu nehmen. Dies ist bei der Schule bzw. allen steuerfinanzierten Organisationen anders: Da alle die Leistung durch die Steuern schon bezahlt haben, können sie berechtigter Weise erwarten, dass auch ihr Bedürfnis angemessen berücksichtigt wird. Daraus ergeben sich Legitimations-probleme und Widersprüchlichkeiten, die typisch für so genannte öffentliche Güter sind.

Kunden öffentlicher Güter lassen sich eine sehr weitgehende Widersprüchlichkeit in den zur Verfügung gestellten Produkten gefallen. Dies hängt mit der Abkoppelung von Bezahlung und Inanspruchnahme der Leistung zusammen. Wenn der Staat jedem Bürger, der einen Führerschein besitzt, einen aus Steuermitteln bezahlten VW Golf zur Verfügung stellen würde, würden wahrscheinlich auch viele der heutigen Käufer des Ford Focus dieses Angebot annehmen, anstatt sich ein Auto zu kaufen, das sie bezahlen müssten. In Wahrheit würden sie ja dann zwei Autos bezahlen, nämlich indirekt mit ihren Steuern den VW Golf und direkt ihr Wunschauto. Im Gegenzug würden jedoch, demokratische Strukturen vorausgesetzt, alle Steuerzahler den Anspruch erheben, über das eine, vom Staat angebotene Auto mit zu bestimmen.

Das Produkt, das ein Unternehmen im Marktprozess anbietet, wird keine Kennzeichen enthalten, die die potenziellen Kunden nicht hinnehmen wollen. Das scheint ein solcher Allgemeinplatz zu sein, dass es banal klingt, ihn auszusprechen. Doch im Vergleich zum Angebot öffentlicher Güter ist es entscheidend, sich an diesen scheinbaren Allgemein¬platz zu erinnern. Denn bestimmte Anforderungen an die Schule sollen geradezu gegen den Willen einzelner Betroffener durchgesetzt werden. Das eindeutigste Beispiel ist die allgemeine Schulpflicht. Ein anderes Beispiel sind etwa Integrationsprogramme, die den Widerstand von Eltern hervorrufen. Ein besonders wichtiges Beispiel stellt die Selektionsfunktion der Schule dar, weil sich wohl niemand freiwillig aussortieren lassen wollte.

Die Behauptung, durch „betriebswirtschaftliche Methoden“ ließe sich die bestehende Schule mit den vorgegebenen bildungspolitischen Zielen verbessern, ist Ideologie. Die Aufgaben dieser Ideologie ist es, einerseits diverse Ziele wie Haushalts¬kürzungen, Festigung des dreigliedrigen Schulwesens, Lenkung von Schüler¬strömen, zentrale Prüfungen, Verkürzung der Schulzeit usw. als objektive Notwendigkeiten auszugeben, und andererseits die in ihrer Geduld arg strapazierten Steuerzahler zu beruhigen, es werde ja alles getan, um die Schule effizienter zu machen. Aber der Markt ist nicht die Zauberformel, mit der bessere Bildung in kürzerer Zeit für weniger Geld zu haben ist, sofern man für bessere Bildung eine materiale Definition zugrundelegt. Vielmehr ist der Marktprozess sowohl gegen das Ziel „bessere Bildung“ als auch dasjenige „kürzere Zeit“ und „weniger Geld“ indifferent. Man müsste das Angebot des Knowledge-Burgers (kurz und billig) neben demjenigen vom Humboldt-Gymnasium (lang und teuer) hinnehmen. Es verhält sich hierbei wie mit der Pressefreiheit: Sie garantiert kein Angebot kulturell hochstehender Druck¬erzeugnisse, ist aber dessen Möglichkeitsbedingung.

Der Marktprozess ist dagegen nicht indifferent gegen eine pädagogische Praxis, die eine bloße Normalverteilung bei der Erreichung der versprochenen Ziele schon für erfolgreich hält. Ein McComenius Bildungs-Drive-In, in welchem versprochen wird, allen alles in kurzer Zeit beizubringen, müsste, um auf dem Markt bestehen zu können, dieses Versprechen auch einlösen.

Rubriken: Freilernen/Schule

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