Gestalttherapie als Praxis der Befreiung der Gesellschaft vom Staat

Stefan Blankertz

Die Grundidee der Gestalttherapie

Gestalttherapie geht davon aus, dass der Mensch in der Lage ist, seine Lebensprobleme im direkten Kontakt mit anderen verantwortlich zu lösen. n diesem Kontakt kann es zu Konflikten mit der Umwelt (mit den Mitmenschen) kommen, und um diese zu meistern Bedarf es einer Energie, die in der Gestalttherapie aus guten Gründen, aber provokativ „Aggression“ heißt. Für extreme Gefahren- und Bedrohungssituationen hat der Organismus Schutzmechanismen, aus dem Kontakt herauszugehen. Diese Schutzmechanismen sind natürlich und haben vorübergehende Natur.

Probleme, die der therapeutischen Intervention bedürfen, entstehen, wenn die vorübergehenden Schutzmechanismen der Kontakt- und Aggressionsvermeidung habitualisiert oder chronifiziert werden: Dann fehlen dem Einzelnen die Instrumente, seine Probleme selbst zu meistern. Die Habitualisierung oder Chronifizierung von Kontakt- und Aggressionsvermeidung ist Folge der Aggression der „organisierten Gesellschaft“, die dem Einzelnen auf der einen Seite Schutz und Versorgung anbietet, auf der anderen Seite jedoch die Selbstständigkeit nimmt. Sie beansprucht für sich, grenzenlos aggressiv gegenüber individuellen Lebensäußerungen zu sein, während sie dem Einzelnen die Aggressivität verbietet. Damit schafft sie einen ständigen „Stachel von Angst“.

Die „organisierte Gesellschaft“ ist die vom Staat organisierte Gesellschaft, eine Gesellschaft, die nicht durch spontane Ordnung entsteht, sondern durch das Gewaltmonopol. Therapie kann dies nicht ändern, sondern nur Widerstand. Jedoch ist der Mensch zum Widerstand nur fähig, wenn er durch therapeutische Intervention in die Lage versetzt wird, die Angst zu überwinden und für seine eigenen Interessen mit der nötigen Energie (Aggressivität) einzutreten.

Die Ursprünge der Gestalttherapie

Dies jedenfalls ist die Grundidee der Gestalttherapie, wie sie der Dichter und Anarchist Paul Goodman (1911-1972) in dem Buch „Gestalt Therapy“ 1952 mit der Inspiration der aus dem nationalsozialistischen deutschen Staat emigrierten Psychoanalytiker Fritz und Lore Perls und des behavioristischen Psychologen Ralph Hefferline formuliert hat. In den 1950er bis in die 1970er Jahre hinein war die Gestalttherapie eine subkulturelle Bewegung, die sich abseits des offiziellen staatlichen Gesundheitswesens entwickelt hat. Die Gestalttherapeuten sahen sich mehr oder weniger als Teil einer (meist links verorteten) antiautoritären Protestbewegung. Mit dem Ende dieser Protestbewegung bekam die Gestalttherapie ein identitätsproblem, das in den USA zu Auflösungserscheinungen geführt hat.

Gestalttherapie in Deutschland

Die Gestalttherapie kam im Zuge der Orientierung der aufbegeherenden Jugend an den USA nach Deutschland, zunächst Westdeutschland. Insbesondere bildete sie ein Gegengewicht gegen die zunehmende Bürokratisierung und Dogmatisierung der linken Bewegung, die sich von den antiautoritären Ursprüngen abzuwenden begann. Die Gestalttherapie wurde von jenen aufgenommen, die an den antiautoritären und staatskritischen Ursprüngen festhielten. Dies zeigte sich auch in der positiven Rezeption der pädagogischen ideen von Paul Goodman und anderen Gestalttherapeuten, die die bürokratische Staatsschule für unreformierbar erklärten und zum Aufbau von außerstaatlichen Alternativen aufriefen.

Mit dem staatskritischen Ansatz außerhalb des etablierten Gesundheits- und Bildungswesen war nach dem Ende der Protestbewegung bzw. deren Aufgehen in der Apotheose alternativen, linken oder grünen Staatlichkeitswahns eine Etablierung kaum möglich. Einer der ersten Protagonisten der deutschen Gestalttherapie, Hilarion Petzold, wandte sich ausdrücklich von ihr ab, um Anerkennung im System zu erhalten. Auch der in Abgrenzung zu Petzold und seiner Schule gegründete Verband von gestalttherapeutischen Ausbildungsinstituten und Berufsverband „Deutsche Vereinigung für Gestalttherapie“ (DVG) konzentrierte seine ganze Energie auf die Anerkennung der Gestalttherapie durch das staatliche Gesundheitswesen, was bislang scheiterte.

Die Zukunft der Gestalttherapie

Meiner Einschätzung nach wird die Gestalttherapie, wenn sie weiter nach der ihrem Ansatz widersprechenden Anerkennung im staatlichen Gesundheitswesen sucht, verschwinden. Ob sie zu einer neuen identität findet oder verschwindet, für mich ist der Beitrag, den Paul Goodmans Psychologie für die Erklärung (und Therapie) des Staatlichkeitswahns geliefert hat, für eine libertäre Theorie und Praxis unverzichtbar.

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Literaturhinweis: Stefan Blankertz, Die Katastrophe der Befreiung: Faschismus und Demokratie, Berlin 2013 (edition g.); zur Gestalttherapie besonders S. 131ff.

Rubriken: Psychologie

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