Ethik und Zwang sind inkompatibel - am Beispiel der Ernährungsideologischen Konflikte

Tommy Casagrande

Ausgangspunkt des folgenden Textes war ein Video (siehe oben), dass mir jemand zugeschickt hat, zu dem ich einen Kommentar verfassen sollte.

Soweit mir beim zuhören nichts entgangen ist, stimme ich dem darin Gesagten zu, da nichts an sich falsches gesagt wurde. Auch wurde nicht aufgerufen, dass Fleisch zu essen verboten werden soll. Insofern ist dieses Video für sich genommen korrekt. Dabei jedoch will ich es nicht belassen. Falls nämlich jemand den Schluss ziehen würde, dass von diesem Video abgeleitet werden darf, dass man dem Menschen per Gewalt verböte (hinter jedem staatlichen Verbot steckt letztlich Gewalt) Fleisch zu essen und man würde dieses mit Gewalt einhergehende Verbot als ethisch bezeichnen, dann hätte derjenige Unrecht, da Gewalt von Mensch gegen Mensch erst der entscheidende Punkt ist, an dem die Ethik ins Spiel kommt.

Denn Ethik einfach nur als beliebigen SOLL-Zustand zu bezeichnen (wie es stets getan wird) gibt keine Auskunft darüber WIE dieses SOLL verwirklicht werden soll . Das ist aber der entscheidende Punkt. Freiwillig oder mit Gewalt ? Jeder Mensch hat eine Vorstellung darüber wie etwas sein soll. Das heißt aber nicht, dass somit jede beliebige Vorstellung davon was in welcher weise sein soll, gleichsam ethisch ist. Nehmen wir das Beispiel eines Kinderschänders. Angenommen, aus seiner Sicht SOLL sein, dass man Kinder schänden darf, dann kann es nicht deswegen ethisch sein, nur weil er einen SOLL-Zustand beschreibt. Andernfalls wäre nämlich jede x-beliebige Vorstellung über den SOLL-Zustand gleichgesetzt mit der darin innewohnenden ethischen Universalität. Der Krieg aller gegen alle würde somit befeuert, denn schließlich lässt sich auch jede Gewalt gegenüber irgendeinen Menschen von irgendwem als SOLL-Zustand deklinieren. Die Grenze zwischen ethisch und unethisch, moralisch und unmoralisch, recht und unrecht, wird durch die Unterscheidung getätigt, ob Menschen freiwillig und frei ihren Bedürfnissen nachgehen können/dürfen/SOLLEN oder ob jemand durch Zwang und Gewalt eines anderen Menschen zu etwas gezwungen wird-zu einem Verhalten hin, welches aus Sicht eines anderen sein SOLL.

Damit argumentiere ich, dass ein SOLL-Zustand, der die Unterscheidung ob ein solcher durch Gewalt und Zwang oder durch Freiheit und Freiwilligkeit zustande kommen soll, übergeht, mit Ethik nichts mehr zu tun hat sondern damit, als der Stärkere oder als die stärkere Gruppe anderen die eigenen SOLL-Wünsche aufzuwzingen. Und in einer Demokratie funktioniert das umso besser, desto besser organisiert die jeweiligen Gruppen sind und umso größer ihr Einfluss auf den Gesetzgeber ist.

Weiters käme noch ins Spiel, da jeder Mensch eine gewisse Vorstellung darüber hat, wie etwas sein SOLL, die Frage sich auftäte, WELCHE Menschen oder Gruppen privilegiert wären ihre SOLL Vorstellungen anderen aufzwingen zu dürfen. Ebenso interessant wäre herauszufinden WODURCH diese Menschen oder Gruppen sich die Anmaßung herleiteten, dies tun zu dürfen und ob dieser Mechanismus durch den dieses Privileg bewerkstelligt werden soll, auf Freiwilligkeit beruhte oder sich in einem Kontext aus Zwang und Gewalt abspielte. Beispiel: Demokratische Wahlen in einem Gewaltmonopol wo jedoch die Vergesellschaftung nicht freiwillig und Sezession an Ort und Stelle nicht erlaubt ist wegen der Annektierung eines bestimmten Territoriums als gewaltmonopolistisches Hoheitsgebiet und der den Menschen somit zugrundeliegenden Unfreiheit der Vergesellschaftungsform. Weil Vergesellschaftung weltweit gewaltmonopolistisches Hoheitsgebiet qua Territorium darstellt, sind und werden in weiterer Folge auch zunehmend die Fragen des privaten Lebens zu öffentlichen Angelegenheiten. Mitbestimmung anstelle von Selbstbestimmung, Mitsprache anstelle von Eigentumsrechten, kollektive Entscheidungen anstelle individueller Bedürfnisse. Eine ganze Palette an Problemen eröffnet sich unter anderem entstehen ideologische Ernährungskämpfe. Die eine Seite möchte das Gewaltmonopol nutzen um Fleisch essen zu sanktionieren oder ganz zu verbieten, die andere Seite subventioniert vielleicht die Fleischindustrie mit den Steuergeldern der Vegetarier und Veganer. Auf einen grünen (wie passend) Nenner kommt man nur dann, wenn man Freiheit vor Zwang und Gewalt stellt.

Grundsätzlich gilt ebenfalls: Verlangt man nach einem Verbot von Fleischkonsum aus pseudo-ethischen Erwägungen (da Ethik und Gewalt von Mensch zu Mensch sich ausschließen ist es pseudo), so ließe sich auch ein Verbot von Gemüse und Pflanzen aus denselben pseudo-ethischen Erwägungen ziehen. Denn wieder einmal sei gefragt, WER, mit WELCHEM Recht bestimmen darf, dass ganz objektiv und universell, das essen von Fleisch absolut schlechter sei als das essen von Gemüse und Pflanzen ? Das kann ein Mensch nur subjektiv für sich selber bestimmen aber NIEMALS für alle anderen. Ebenfalls ließe sich ganz grundsätzlich die Existenz des Menschen als ein Gewaltverbrechen stilisieren. Ein jeder Fußabdruck sei zu viel und ein Krieg aller gegen alle könnte im Sinne der freundlichen, mitfühlenden, gutherzigen, empathischen, stets besorgten Großtmutter Natur, der Umwelt und der Tierwelt, dem Wasser, der Erde, dem Feuer, dem Wind und auch den Waldgeistern und Schlümpfen zum Zustande führen, die menschliche Existenz hinter sich zu lassen und zu schauen ob das Karma-Punkte für eine Reinkarnation als treuherziger Regenwurm mit sich bringt.

Wenn man nicht begreifen kann oder begreifen will, dass die Unterscheidung von Zwang und Gewalt auf der einen und Freiheit und Freiwilligkeit auf der anderen Seite DER entscheidende Punkt darstellen, dann landet man in einer derartigen Beliebigkeit von SOLL-Zuständen und relativen, subjektiven Wünschen, sodass es überhaupt keinen Kompass für tatsächlich richtiges und wahres und tatsächlich unrichtiges und unwahres mehr gibt.

Ganz simpel gefragt:
* Wer legt fest, welche Gewalt aus welchem Grund ethisch ist ?
* Wieso darf derjenige das festlegen ?
* Wieso muss jener Festlegung Folge geleistet werden, wenn man es anders sieht ?
* Warum ist Gewalt A ethisch und Gewalt B unethisch ?
* Warum ist die Gewalt für Grund A ethisch und für Grund B unethisch ?
* Wer darf das bestimmen ?
Und und und so weiter...

Im Falle der Verbotsposition zugunsten der eigenen SOLL-Vorstellungen würde die eigene subjektive Wertvorstellung, die aber von jedem Menschen anders hierarchisiert wird (denn Menschen sind schließlich Individuen und sohin individuell), umgelegt als universelle Wertvorstellung (mit dem Recht auf alleiniges herrschen) und wir landen bei der Unterscheidung von Freiheit und Zwang. Für Freiheit zu sein ist keine reine subjektive Wertvorstellung, weil sie jedem erlaubt, seine eigenen Werturteile zu setzen und nach ihnen zu leben. Im Falle jener Positionen die für Zwang und Gewalt einstehen und ihre Positionen damit zu Angriffen auf die Lebensgestaltung anderer werden lassen, gilt das nicht. Sie erheben ihre subjektive Wertvorstellung über die anderer Menschen und alle müssen dann nach ihren Werturteilen leben und sich verhalten. Wie man erkennen kann, sind das zwei grundverschiedene Charakteristika. Ab und an wird gerne von etatistischer Seite entgegnet, dass die Position der Freiheit für alle ja auch nur ein Zwang sei. Das ist zwar völlig falsch, wird aber gerne behauptet um sich die eigene Anmaßung, anderen seine Werturteile aufzwingen zu wollen, nicht kritisieren zu lassen oder um sich nicht mit Kritik auseinandersetzen zu müssen (nennt man auch immunisieren). Die Position jeden Menschen nach seinem eigenem Werturteil leben zu lassen, schließt Zwang und Gewalt aus, denn sonst könnte nicht jeder nach diesem gleichen Recht leben (die Quelle dieser Rechtsphilosophie ist das Selbsteigentum). Es ist somit ein Unterschied ob die Menschen nach ihren eigenen Bedürfnissen ihr Leben ausrichten oder ob sie ihr Leben nach den Bedürfnissen und Vorstellungen anderer ausrichten müssen. Es ist somit ein Unterschied ob das Selbsteigentum zugelassen wird oder man Eigentum von Fremden wird.

Rubriken: Vegetarismus/Veganismus

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