Über den esoterischen Wahrheitsrelativismus

Tommy Casagrande & Stefan Blankertz


Es gibt keine Wahrheit/Jeder hat seine eigene Wahrheit/Es gibt kein richtig und kein falsch - von Stefan Blankertz in Zusammenarbeit mit Tommy Casagrande Zunächst einmal sind die beiden Thesen ("jeder hat seine eigene Wahrheit" und auch "es gibt kein richtig und falsch") libertärer, als die Ansichten der meisten Zeitgenossen, die sich im Besitz der Wahrheit wähnen und zu deren Durchsetzung meinen, Gewalt einsetzen zu dürfen oder sogar zu müssen. Andere widerum verkünden lautstark, es gäbe keine Wahrheit und werden oft selbst zu totalitären Wahrheitsverfechtern, wenn es um Ökologie usw. geht. Da kann man sie meist packen und ihnen zeigen, dass sie sehr wohl davon ausgehen, es gäbe eine objektive und wissenschaftlich erwiesene Wahrheit. Dann befinden diese sich im Selbstwiderspruch.

Selbstwiderspruch ist auf der höchsten Ebene der Abstraktion auch das entscheidende Argument gegen die These, es gäbe keine Wahrheit. Die These, es gäbe keine Wahrheit, stellt selbst nämlich einen Wahrheitsanspruch: ENTWEDER sie ist wahr (dann ist sie falsch, weil es wenigstens eine Wahrheit gibt, nämlich die, dass es keine Wahrheit gibt) ODER sie ist falsch und dann gibt es eine Wahrheit. Wenn man erkenntnistheoretisch sagt, dass die Aussage, es gäbe keine Wahrheit, ein Selbstwiderspruch und mithin falsch sei, dann heißt das aber nicht, dass jemand die Wahrheit KENNT. Karl Popper (den ich gar nicht so sehr schätze) hat das in einer schönen Metapher so ausgedrückt:

"Man stelle sich einen Berg vor, dessen Gipfel in Nebel gehüllt ist. Wir wissen, dass es den Gipfel gibt, aber wir sehen ihn nicht."

So ist es wohl mit der Wahrheit auch. Alles, was wir tun können, ist diskutieren. Die Struktur der Diskussion besagt, dass ich von meinem Standpunkt überzeugt bin, aber bereit, dem anderen zuzuhören, ohne ein anderes Mittel, ihn von meinem Standpunkt zu überzeugen, einzusetzen als das des Arguments. Gewalt ist das Gegenteil von Diskussion. Somit ist Libertarismus, oder genauer: Anarchokapitalismus, die Ordnung der Diskussion (das ist das Argument des niederländischen libertären Rechtsphilosophen Frank van Dun, der es auf Sokrates zurückführt). Die Aussage, jeder habe seine eigene Wahrheit ist sowieso Quatsch. Es gibt nur eine Wahrheit. Alles andere sind Standpunkte, Blickwinkel, Perspektiven, Meinungen, Interpretationen.

Indem man sagt, "dies ist deine Wahrheit, nicht meine Wahrheit", stellst man selbst einen Wahrheitsanspruch für die eigene Aussage. Die Aussage "dies ist deine Wahrheit, nicht meine" will wahr sein. Wenn sie NICHT wahr wäre, hätte sie keinen Sinn. Niemand kann eine Aussage machen, selbst über alltäglichste Dinge, die keinen Wahrheitsanspruch haben. Aussagen, die keinen Wahrheitsanspruch haben, sind sinnlose Geräuschentwicklungen.

Menschen, die von Wahrheiten im Plural sprechen, ziehen eine Mauer auf, wo das Ende der Diskussion sofort da ist. Ich weiß nicht, ob es gelingt, diese Mauer zu durchbrechen. Das Argument mit dem Selbstwiderspruch ist ziemlich anspruchsvoll. Außerdem ist das esoterische Argument oft genau dazu da, die Diskussion abzuwürgen. Dann läuft man gegen Wände. Nicht umsonst sind Esoteriker ja gerne mal der Meinung, dass man eben über nichts zu reden braucht und es darauf hinausläuft. Natürlich kann der Esoteriker auch hierzu wieder sagen, "das ist meine Wahrheit aber nicht seine", nur drehen wir uns dann auf alle Ewigkeit im Kreis. Wer nicht den Selbstwiderspruch in der Aussage einsehen kann, mit dem lässt sich die Frage nicht diskutieren. Das esoterische Argument, jeder habe seine eigene Wahrheit (oder eben auch, es gibt keine - wie oben geschrieben) - ist oft genau dazu da, die Diskussion abzuwürgen. Dann läuft man gegen Wände und die Stille im Raum wird zum Dogma. Der esoterische Wahrheitsrelativismus ist aus zwei Gründen entstanden.

1. Die Enttäuschung der Philosophen, dass die Wissenschaft nicht zu eindeutigen Wahrheiten, die nicht mehr bezweifelt werden, geführt hat.

2. Der ideologische Grund: Zerschlagung oppositioneller Gedanken. Alles ist relativ, nur das System, das hat immer recht.

Ob Ökodiktatur oder Zwangssteuern, das muss natürlich sein, dafür gilt der Satz, jeder habe seine Wahrheiten nicht. Teste das mit den Diskussionspartnern: "Wenn jemand die Wahrheit hat, dass er keine Steuern zahlen muss, darf er dann trotzdem bestraft werden?" Oder: "Wenn jemand denkt, dass der Klimawandel ein Schwindel ist, darf er dann mit voller Kraft Staubsaugen?" Usw. Auf der Ebene kann man Menschen sehr schnell klar machen, dass sie sehr festgefügte Wahrheitsansprüche vertreten. "Gesetzt, die Aussage, jeder habe seine eigene Wahrheit, sei objektiv wahr: Darf jemand es als seine Wahrheit ausgeben, er habe das Recht, Leute, die eine andere Wahrheit haben als er, mittels Waffengewalt auf seinen Kurs zu zwingen?" Wenn die Antwort lautet: Ja, dann haben wir eine Rechtfertigung für islamistischen Terror. Wenn die Antwort lautet: Nein, dann haben wir 1. eine Wahrheit (nämlich die ethische Wahrheit, dass man seine Sichtweise nicht mit Gewalt durchsetzen dürfe) und 2. Libertarismus (individuelle Freiheit) als Ordnungsprinzip.


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Rubriken: Religion Psychologie

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