Über die Gleichheit in der Freiheit

Tommy Casagrande


Manche Libertäre bekommen den sogenannten Beißreflex, wenn sie das Wort “Gleichheit” hören. Sie sind aufgrund ihrer Feindbilder derart traumatisiert möchte man sagen, dass sie dieses Wort hassen wie die Pest. Dass sich Zustände der Gleichheit, wenn nicht zur Gänze, so doch zumindest im Vergleich zu Heute, tendentiell verstärken können, wenn die Menschen freier sind, möchten sie genauso sehr leugnen, wie es auf der anderen Seite, ihre Feindbilder machen, wenn diese den Wert der Gleichheit als unvereinbar mit der Freiheit betrachten.

Niemand vermag in einer solchen Gegenüberstellung auf die kühne Idee zu kommen, dass unter dem Aspekt von Freiheit, sich Gleichheit in ökonomischer Art, stärker materialisiert als unter den heutigen Bedingungen. Da die Libertären die Gleichheit hassen und die Sozialisten die Freiheit, gibt es weder Freiheit, noch Gleichheit. Auch im Falle des Sozialismus bleibt die Ungleichheit bestehen, denn die Differenz zwischen dem Reichsten und dem Ärmsten rückt auch unter sozialistischen Bedingungen nicht näher zusammen.

Es ist bedauerlich und tragisch zugleich, dass Libertäre gegenüber allem was sozialistisch ist, Scheuklappen aufsetzen und sich dann mit den Konservativen und Rechten in ein gemeinsames Boot setzen und sich wundern, wenn manche Menschen argwöhnen, dass sie finden, der Libertarismus sei eine rechtslastige Ideologie. Wer die Besteuerung der Reichen kritisiert, aber die Strukturen, auf denen diese Reichen ihren Reichtum aufgebaut haben, leugnet, der hat den “Linken” nichts entgegen zu setzen, der ist ihnen und ihrer analytischen Kritik der Gegenwart hoffnungslos ausgeliefert, und der vermag es auch nicht, die einfachen Menschen, die nicht reich sind, zu überzeugen.

Ein Libertärer muss darum beides in Erwägung ziehen. Er muss einerseits den Standpunkt vertreten, dass Besteuerung ein Raub am Eigentum ist, zugleich muss er aber dem “Linken” zustimmen, dass dieses System Strukturen aufweist, durch die der Reiche einen Teil seines Reichtums aufgrund von strukturellen Privilegien aufbauen konnte, die dem Armen aufgrund des selben Systems nicht möglich gewesen sind. Das Berechtigungswesen schließlich, und das ist ein Faktum der die Gesellschaft von Kindesbeinen an bestimmt, selektiert und umverteilt Chancen und schlussendlich auch Einkommen von unten nach oben mittels des staatlichen Bildungssystems.

Wer dies leugnet und behauptet, jeder habe die selben Chancen und die Armut der Unterschicht sei selbstverschuldet und der Reichtum der Reichen sei erarbeitet, der begreift nicht, dass wir in einem System leben, indem es auch dann eine durch die Strukturen des Systems geschaffene Oberschicht und Unterschicht geben würde, wenn alle Kinder in der Schule die gleichen Noten hätten. Da es nicht genug vom System bereitgestellte Arbeitsplätze gibt, werden Menschen arbeitslos sein, auch dann, wenn sie eine gute Schullaufbahn absolviert haben.

Überdies hinaus ist ein System, in dem Menschen sich stets der Konformität zu unterwerfen haben um im Leben voran zu kommen, nur mit der Bezeichnung “maschinelles Gesellschaftssystem” zu umschreiben. Die Lebensfeindlichkeit gegenüber dynamischen Organismen bildet sich in der Mechanik eines Systems ab, dass für Roboter konzipiert ist und nicht für Menschen in denen Leidenschaft, Spontanität, Interesse, Motivation und eine Manigfaltigkeit an Begründungen existiert, um dem Leben zu begegnen.

Um meine Annahmen zu stützen, habe ich Nur Baysal gefragt, wie ihre Meinung aussieht:

Nur, denkst du, dass es ohne Staat eine größere ökonomische Gleichheit gäbe als dies Heute der Fall ist ?
Würde deiner Meinung nach aufgrund von mehr Freiheit ein Zustand von größerer ökonomischer Gleichheit materialisiert werden können ?

Nur Baysal:

Johan Norberg schreibt in seinem Buch “Das kapitalistische Manifest”: “Sowohl Liberale als auch Sozialisten erklären individuelle Freiheit und ökonomische Gleichheit zu Gegensätzen, um so zu begründen, warum sie einen dieser von vielen geschätzten Werte ablehnen. Das mag korrekt sein, aber nur in dem Sinne, dass sie sich in ihrer Politik für die Priorität eines der beiden Werte entscheiden. Nicht richtig ist, dass diese Werte Gegenpole sind. Es deutet im Gegenteil vieles darauf hin, dass gleiche Freiheit auch ökonomische Gleichheit erzeugt. Eigentumsrecht, Gewerbefreiheit, Freihandel und sinkende Inflation bringen Wachstum _und_ Gleichheit.”

Es ist statistisch nachgewiesen, dass in Ländern mit einer ausgeprägteren freien Marktwirtschaft die Schere zwischen Arm und Reich geringer ist – die Leute “gleicher” sind – als in Ländern mit einer sehr protektionistischen Wirtschaftspolitik.

 

***



 

Rubriken: (R)Evolution Solidarität Toleranz/Transparenz

... zurückblättern