Migrantenkriminalität und das Verhängnis der Schule

Stefan Blankertz


Bei der Diskussion um die Problematik der Einwanderung und einer offenen Aufnahme von Menschen, die vor politischer oder religiöser Verfolgung oder vor politisch zu verantwortender wirtschaftlicher Not in ihren Heimatländern in Deutschland und Europa Zuflucht suchen, spielen deren dauerhafte Abhängigkeit von sozialer Unterstützung und deren erhöhte Neigung, Straftaten zu begehen, eine große Rolle. Wenn es sich bei der fehlenden Integration in den Arbeitsmarkt und bei einer erhöhten Neigung zu Kriminalität um ein Kennzeichen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund handelt, scheiden die Argumente aus, Ursache seien illegaler Aufenthaltsstatus und Arbeitsverbot bei laufendem Asylverfahren. Die Problematik der zweiten oder dritten Generation von Migranten scheint ganz in deren eigener Verantwortung zu liegen als Unwillen oder Unfähigkeit, sich in die Gesellschaft einzufinden, die ihnen bzw. ihren Eltern oder Großeltern Schutz geboten hat.

Zweierlei Maß

In der besonderen Spielart der Islamfeindlichkeit gibt man als Grund für die fehlende Eingliederungsfähigkeit eine Religion an, die vermeintlich gewaltbereit mache. Spektakulär sind dann Fälle von »Ehrenmord« (oder Drohung mit demselben), die statistisch kaum ins Gewicht fallen, aber großes Aufsehen erregen und zu belegen scheinen, dass die Migranten eine religiös gefärbte Kultur mitbringen, die nicht zu einem aufgeklärten Rechtsverständnis passen. Dagegen werden Fälle, in denen ein deutscher Vater aus Eifersucht seine Kinder und seine Exfrau tötet, als tragische Ausnahmen gewertet und keineswegs der gleichsam indigenen Leitkultur angelastet.

Junge Männer als Problem

Die erhöhte Neigung von vor allem jungen Männern mit Migrationshintergrund zu Delikten der Körper- und Eigentumsverletzung dagegen ist statistisch relevant. Erwachsene mit Migrationshintergrund fallen, ein legalisierter Aufenthalt in Deutschland vorausgesetzt, nicht durch eine gegenüber dem Durchschnitt der Deutschen erhöhte Kriminalitätsneigung auf. Die jungen Männer mit Migrationshintergrund sind auch stärker von Jugendarbeitslosigkeit bedroht. Zwischen Kriminalitätsneigung und Arbeitslosigkeit besteht gerade, wenn sie junge Menschen betrifft, ein enger Zusammenhang (auch unter deutschen jungen Männern). Der Zusammenhang ist gegeben durch eine Kombination aus dem Versuch, sich durch illegale Tätigkeit [2] zu reproduzieren oder begehrte Luxusgüter anzueignen, und aus Gewaltbereitschaft, die der Langeweile oder der Frustration entspringt.

Die Problematik des »Berechtigungswesens«

Als Grund für Arbeitslosigkeit im Allgemeinen, Jugendarbeitslosigkeit im Besonderen, ganz speziell der Jugendarbeitslosigkeit unter Migranten, nennt man regelmäßig eine gegenüber dem Durchschnitt geringere schulische Qualifikation. Und an dieser Stelle wird es spannend, weil man den Zusammenhang von Schulbildung und beruflichem Erfolg behandelt wie eine naturgegebene Konstante. In Wirklichkeit ist der Zusammenhang von Schulbildung und beruflichem Erfolg stark geprägt durch gesetzliche Regelungen, die den Zugang zu Berufen an schulische Qualifikationen binden. Dies macht das sogenannte »Berechtigungswesen« aus. Das Berechtigungswesen kennzeichnet die Tatsache, dass nicht die objektive Eignung eine bestimmte Qualifikation für die Berufsausübung voraussetzt, sondern der Zwang durch ein Gesetz.

Schule ist nichts für alle

Andererseits liegt es ganz klar auf der Hand, dass die Schule nicht für alle Kinder und Jugendliche der geeignete Ort des Lernens ist. Der, für den die Schule kein geeigneter Ort des Lernens ist, erfährt in der Schule vor allem, dass er zum Versager geboren wurde. Die sozialpädagogischen Maßnahmen der Unterstützung und Zwangseingliederung lösen diese Stigmatisierung nicht auf, sondern verschärfen sie. Sie sind nichts als ein Arbeitsbeschaffungsprogramm für die Mittelschicht, die Jobs in sicherer Staatsanstellung sucht. Den Betroffenen wird nicht nur nicht geholfen, ihnen schadet dieses Verfahren.

Darüber hinaus wird den Jugendlichen, die in der Schule nichts oder doch nur wenig und schlecht lernen, nicht nur der Zugang zu den Berufen verwehrt, die dem Berechtigungswesen unterliegen, nein, sie dürfen auch nicht einfache Arbeiten vollrichten. Schulpflicht und Jugendschutz hindern sie daran, für sich selbst zu sorgen, unabhängig zu werden und sich über praktische Arbeit zu qualifizieren, gleichzeitig zerrupft die Schule ihr Selbstbewusstsein durch den erzwungenen Schulbesuch ständig und täglich. Es wundert nicht, wenn diese Jugendlichen zu Gewalt neigen, sei es, um sich Waren anzueignen, sei es, um ihre Frustration auszuagieren. Es wundert eher, dass die meisten von ihnen dennoch keine Straftaten begehen.

Nach der Schule

Wenn sie dann alt genug sind, um legal arbeiten zu dürfen, gibt es neben dem Berechtigungswesen auch noch weitere staatliche Maßnahmen, um diese Jugendlichen vom Arbeitsmarkt fern zu halten. Dazu gehören vor allem Mindest- und Tariflohngesetze, die die Hürde für den Berufseintritt für schulisch nicht oder wenig Qualifizierte zu hoch hängen.

Zwischen Rechts und Links

Die politischen Antworten auf die Problematik der Jugendlichen mit Migrationshintergrund sind der übliche, um nicht zu sagen: üble Rechts-Links-Rotor, der den Spätetatismus antreibt: Die Linken negieren das Problem und fordern neue staatliche Regelungen, um es zu lösen (und geben damit seine Existenz indirekt zu). Diese Regelungen verstärken indirekt oder direkt das Problem. Die Rechten nutzen das Problem, das sie oft emotional aufheizen, um gegen eine missliebige Personengruppe vorgehen zu können. Sie fordern staatliche Maßnahmen gegen diese Personengruppe, statt zu fordern, die Umstände zu ändern, die das Problem erzeugen.

»Unter der konservativen Volksbasis befindet sich jedoch das Substrat der Geächteten und Außenseiter: die Ausgebeuteten und Verfolgten anderer Rassen und anderer Farben, die Arbeitslosen und die Arbeitsunfähigen. Sie existieren außerhalb des demokratischen Prozesses; ihr Leben bedarf am unmittelbarsten und realsten der Abschaffung unerträglicher Verhältnisse und Institutionen. Damit ist ihre Opposition revolutionär, wenn auch nicht ihr Bewusstsein. Ihre Opposition trifft das System von außen und wird deshalb nicht durch das System abgelenkt; sie ist eine elementare Kraft, die die Regeln des Spiels verletzt und es als aufgetakeltes Spiel enthüllt.« [3]

Venceremos, Rothbarderos!

 

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Fußnoten:
[1] Der Titel spielt an auf das Buch »Compulsory Mis-education« von Paul Goodman (1911-1972), das ich 1975 unter dem Titel »Das Verhängnis der Schule« übersetzt und publiziert habe.
[2] Dabei unterscheidet man oft nicht zwischen illegaler Tätigkeit, die anderen schadet (Diebstahl, Raub, Erpressung), und einer illegalen Tätigkeit, die zwar gesetzlich verboten ist, aber auf eine Nachfrage stößt und deshalb anderen zu deren berechtigter Bedürfnisbefriedigung dient (Schwarzarbeit, Schwarzmarkt).
[3] Herbert Marcuse, Der eindimensionale Mensch (1964), Neuwied 1977, S. 267.



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