Der Standpunkt der Freiheitsfreunde

Andre Hebbel

In der Epoche der Aufklärung im 18. Jahrhundert entstanden die, schriftlich erstmals umfassend formulierten, anti-autoritären und die Freiheit des Individuums betonenden Werke europäischer (vornehmlich schottischer und englischer) Moral-philosophen und Ökonomen. Darauf aufbauend bildeten sich Denkschulen und politische Philosophien in den Gesellschaften des, sich noch vor der industriellen Revolution befindlichen, europäischen Kontinents. Über die Zeit gerieten die freiheitlichen Postulate mehr und mehr in Vergessenheit und so ist es keine Überraschung, dass das 20. Jahrhundert von einem omnipräsenten und das friedliche gesellschaftliche Zusammenleben zerstörenden Etatismus gekennzeichnet ist.

Gegenwärtig erleben die freiheitlichen Ideen des 18. und 19. Jahrhunderts eine Renaissance - nicht zuletzt auch dank der Möglichkeit des freien Gedankenaustauschs über das Internet - und es bildeten sich über die letzten 40 Jahre weitere, die individuelle Freiheit in den Mittelpunkt rückende, philosophische Denkschulen.

Die in der untergeordneten Überschrift aufgeführten Vertreter der, mal zusammenfassend allgemein formulierten, "Philosophie der Freiheit" unterscheiden sich teilweise in der Fokussierung auf verschiedene Themenschwerpunkte und in der Strategie, verständigen sich aber auf das gemeinsame Ziel einer freien Gesellschaftsordnung und die selben Prinzipien der Gewaltlosigkeit bzw. der Nicht-Aggression.

Die zentrale Frage, um die es Freiheitsfreunden bezogen auf die Ordnung einer Gesellschaft geht, lautet:
Werden Handlungen erzwungen oder geschehen sie freiwillig?

Eine soziale Interaktion (die Befriedigung eines Bedürfnisses) kann nur auf zwei Weisen erfolgen:
durch Zwang & Gewalt oder basierend auf Freiwilligkeit.

Was bedeutet das? Im ersten Fall würde unter Androhung oder direkter Anwendung von physischer Gewalt ein erwünschtes Ziel zu erfüllen versucht (z.B. ein bewaffneter Überfall).
Im zweiten Fall wird ein Vertrag im beiderseitigen Einverständnis abgeschlossen und erfüllt. Beide Seiten tauschen also eine Leistung (z.B. Ware [das kann auch die eigene Arbeitskraft sein] gegen Geld) oder eine der beiden Seiten übergibt der Anderen eine Leistung bedingungslos, also ohne Erwartung einer Gegenleistung.

MORAL

Sämtliche, in der untergeordneten Überschrift aufgeführten, Vertreter der individualistischen politischen Philosophien bzw. Anti-Ideologien lehnen die Initiierung von Zwang und Gewalt mit Verweis auf das "Nicht-Aggressions-Prinzip" (NAP) generell und ohne Kompromisse ab. Dieses, aus der Sicht der Freiheitsfreunde für die soziale Interaktion und die Ordnung einer Gesellschaft, fundamentale Prinzip besagt, dass der Einsatz von Gewalt (oder die Drohung damit) ausschliesslich als Notwehr zulässig ist. Begründet wird das NAP anhand des Selbsteigentums eines jeden Menschen am eigenen Körper (alles andere wäre Sklaverei) und des damit einhergehenden alleinigen Verfügungsrechts (die Freiheit, das Eigentum nach eigenem Ermessen unbeschränkt zu nutzen).

Ein Individuum hat also die Freiheit alles das tun zu können, was ihm beliebt, solange es die Freiheit (Eigentumsrechte) eines Anderen nicht einschränkt bzw. verletzt. Aus dem Selbsteigentum ergibt sich in der Folge auch, dass einem das Ergebnis seiner Arbeit vollumfänglich gehört. Durch Tausch, einem permanenten Zustand aus freiwillig eingegangenen Verträgen und Kooperationen, entsteht Produktion, Verkauf, entstehen Werte, Tugenden, materielle und immaterielle Güter, finanzieller und geistiger Wohlstand.

Es ist für Freiheitsfreunde also IMMER unmoralisch, Menschen zu etwas zu zwingen und Gewalt anzuwenden oder anzudrohen! Selbstverteidigung ist legitim und verstösst nicht gegen das Nicht-Aggressions-Prinzip.

WIRTSCHAFTSORDNUNG

Gerade in einer freien, also marktwirtschaftlichen (bzw. markt-anarchistischen) Gesellschaft kann ein Individuum nur "erfolgreich" sein, wenn es seinen Mitmenschen in irgendeiner Weise dient und etwas anbietet, für das genügend Individuen bereit sind eine entsprechende Gegenleistung zu erbringen. Sollte diese Tätigkeit tatsächlich sogar zu einer Monopolstellung des Anbieters führen, dann nur, weil er die Bedürfnisse seiner Mitmenschen "am Besten" zu befriedigen vermag. Es ist ein Monopol, das auf Freiwilligkeit gründet, nicht auf Zwang und Gewalt. Dieser Umstand ist jedoch äusserst theoretisch.

Es ist vielleicht das grösste Missverständnis, dass die Marktwirtschaft für Unternehmen da wäre. Gerade das ist nicht der Fall. Unternehmer hassen Konkurrenz und lobbyieren deshalb bei der Politik, um sich Vorteile und Privilegien zu verschaffen und die eigenen Märkte zu schützen.

Marktwirtschaft ist in erster Linie für die Kunden und Mitarbeiter da. Tausende von Unternehmen konkurrieren darum, die Wünsche der Bürger bestmöglich zu befriedigen. Wer das nicht schafft geht bankrott. Ebenso konkurrieren in einer wirklich freien Marktwirtschaft die Unternehmen um die besten Mitarbeiter. Die Verhandlungsmacht liegt dann beim Arbeitnehmer, weil Unternehmen niemanden zwingen können für sie zu arbeiten.

GELDORDNUNG

Gäbe es kein Geldangebotsmonopol des Staates, indem er gesetzlich (also völlig willkürlich) festlegt, was nun als Zahlungsmittel zu gelten hat, sondern würde sich unter handelnden Menschen selbstständig das marktgängigste Gut (= Geld bzw. "freies Marktgeld") durchsetzen, dann wäre es sehr wahrscheinlich nicht nur eines, das seinen Wert mindestens erhält, wenn nicht bedingt durch den technischen Fortschritt sogar kontinuierlich steigert. Es hätte dann auch wieder die Wirkung eines Speichermediums von “Lebenszeit/-energie”, also von zuvor erbrachter und in der Folge gespeicherter Arbeitskraft. Ich erwähne das in der Hoffnung, dass dies – in Bezug auf Geld in seiner eigentlichen, natürlichen Bedeutung – den Schleier des Anrüchigen nimmt und die fundamentale, friedliche und fortschrittliche Komponente, die allen Tauschvorgängen inhärent ist, klar wird.

"Du denkst also, dass Geld die Wurzel allen Übels sei? Hast du dich jemals gefragt, was die Wurzel des Geldes ist? Geld ist ein Mittel des Austauschs, das nicht existieren kann, ohne dass es produzierte Güter gibt und Menschen, die fähig sind, sie zu prodizieren. Geld ist die materielle Gestalt des Prinzips, dass Menschen, die miteinander Geschäfte machen wollen, dies mittels Handel machen und Wert für Wert geben müssen. Geld ist nicht das Mittel der Schmarotzer, die dein Produkt mittels Tränen fordern, oder der Plünderer, die es von dir mit Gewalt nehmen. Geld ist allein durch die Menschen, die produzieren, möglich gemacht. Ist es das, was du als Übel betrachtest?" [For the New Intellectual, 1961, Random House]
- Ayn Rand (1905-1982), russisch-US-amerikanische Philosophin, Schriftstellerin, Begründerin der Philosophie des Objektivismus

HILFSBEDÜRFTIGKEIT

Freiheitsfreunde setzen auf Selbstbestimmung und Eigenverantwortung und sind der Überzeugung, dass Menschen in einer freien, also staatenlosen Gesellschaftsordnung für sich selbst (vor)sorgen und sich gegen Lebensrisiken ab- bzw. versichern. Dennoch wird es wohl immer Menschen geben, die aufgrund diverser Schicksalsschläge auf die Mithilfe und Unterstützung ihrer Mitmenschen angewiesen sind.

Einkommensbeziehern würden in einer freien Gesellschaft 1. aufgrund deutlich höherer Gehälter ("netto gleich Brutto" + Arbeitgeberanteil zur SV) und 2. infolge der erhöhten Kaufkraft eines freien Marktgeldes folglich deutlich mehr Mittel zur Verfügung stehen, die die eigene Bedürftigkeit ausschliessen und darüber hinaus das Potential und die Bereitschaft etwaiger Hilfeleistungen wie Spenden oder ehrenamtliche Tätigkeiten enorm erhöhen.

Die Menschen, die Arbeit haben, verdienen in einer freien Gesellschaft also erheblich mehr und werden es sich leisten können, gute Berufsunfähigkeits-, Kranken-, Arbeitslosen-, Lebensversicherungen, etc. abzuschliessen. In einer freien Gesellschaft wird ausserdem wieder die Familie an Bedeutung gewinnen, denn das war vor der Ära des Sozialstaats über Jahrtausende das klassische Sicherheitsnetz. Der kleine Teil der Menschen, der auch hier keine Hilfe bekommt, ist dann tatsächlich auf die freiwillige Hilfe von Mitmenschen angewiesen, die dann mehr zum Spenden zur Verfügung haben und wieder Spass daran entwickeln, weil man sie nicht mehr zwingt und die Hilfe tatsächlich benötigt wird.


Im Grunde genommen soll der vorliegende Text über die Sichtweisen zu den voran genannten Themenbereichen nur in die Gedankenwelt der Freiheitsfreunde einführen und der besseren Orientierung für Leser dienen, die von der Philosophie der Freiheit noch nicht inspiriert wurden, denn sämtliche Handlungen (Lösungen) sind in Ordnung, solange das Nicht-Aggressions-Prinzip nicht verletzt wird. Der Freiheitsfreund möchte nicht primär Antworten auf mögliche gesellschaftliche Herausforderungen geben, sondern in erster Linie jene Art gesellschaftlicher Ordnung leben und erläutern, nach der jeglichen Handlungen das Prinzip der Nicht-Aggression zu Grunde liegt (liegen sollte) und ein Jeder nach seiner eigenen Fasson glücklich werden kann.

Freiheitsfreunde wollen also keinen weiteren "neuen Menschen" erschaffen, sondern nehmen ihn so, wie er ist, mit all seiner Arglist und Bösartigkeit, all seiner schöpferischen Kreativität und liebevollen Attitüde. Freiheitsfreunde wünschen sich quasi den Urzustand gesellschaftlicher Ordnung und sozialer Interaktion - Ein jeder Mensch wird frei geboren!

Rubriken: Geschichte Freier Markt Solidarität

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